Bei mir bist du schön.

In der Ehe haben wir eine durchaus schöne, wenn auch mitunter herausfordernde Berufung, nämlich mit Leib und Seele unseren Partner zu lieben. Man kann es sogar noch ein wenig genauer aufschlüsseln und so wie Pater Kentenich von den vier Formen der Liebe sprechen. Da gibt es

  • die sexuelle Liebe, die den anderen durch den Sexualtrieb lieben möchte. Zweitens
  • die Herzensliebe, die getragen ist von Gefühl und Hingezogen sein zum anderen und wie der Begriff schon sagt, aus dem Herzen der Person kommt. Eine dritte Form ist
  • die geistige Liebe, die die geistigen und handwerklichen Fähigkeiten im andern liebt, seine Talente und Begabungen. Sie wird durch den Verstand und die Vernunft angetrieben. Und schließlich gibt es noch
  • die übernatürliche Liebe, die den anderen um Gottes willen liebt, die im anderen Gott sieht und mit dem anderen zu Gott unterwegs sein möchte.

In der Ehe wollen wir diese vier Formen miteinander in Verbindung und Harmonie bringen, um dadurch das Ehesakrament vollkommen auszudrücken. Das gilt auch für die Sexualität oder gerade für die Sexualität, denn sie ist das Zeichen wodurch die Ehe nach christlichem Verständnis geschlossen wird. Pater Kentenich sagt: „Ja in der Ehe haben wir einen göttlichen Auftrag zur Sexualität und das nicht nur um Kinder zu zeugen, sondern einander die Liebe zu bezeugen. Und er sagt weiter: … aber das vollkommenste Abbild des dreifaltigen Gottes sind an sich die Eheleute und zwar im Augenblick des ehelichen Aktes.“ (Am Montagabend Band 20).

Die „Fremdsprache“ des Partners lernen

Nun lehrt uns die Erfahrung, dass Männer eine andere „Sprache“ sprechen als die Frauen. Sie haben im Leben in vielen Dingen einen anderen Zugang und umgekehrt ist es auch so. Wir müssen also gerade in der Ehe eine Fremdsprache lernen und das gilt mitunter besonders in der Sexualität. Die Ehe ist eine Schule der Liebe (P. Kentenich), in die man ein Leben lang geht. Das gilt auch in der Sexualität. Die Sexualität hat ihren Ursprung im Paradies: Beide waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander (Gen 2,25). Um diese Harmonie wieder herzustellen muss aus der ich-bezogenen Liebe eine du-bezogene Liebe werden und aus der genusssüchtig-fordernden Liebe eine schenkende und bittende. Also, wir bitten einander um die Liebe und wir schenken einander die Liebe. Das gilt für alle vier Formen der Liebe, besonders auch für die Sexualität.

Schwierigkeiten gemeinsam überwinden lernen

Dass die sexuelle Liebe viele Schwierigkeiten macht ist kein Geheimnis. Wir vergleichen die eheliche sexuelle Liebe gerne mit dem Bild vom Tanzen, wo wir beide miteinander lernen müssen auf die Musik zu hören und die richtigen Schritte zu finden. Da kann es auch schon einmal vorkommen, dass man sich unabsichtlich auf die Zehen steigt.

Man kann die Sexualität aber auch mit einem Garten vergleichen, in dem wir gerne zu zweit lustwandeln. Wir müssen ihn miteinander anlegen, bebauen und behüten. Uns beiden muss der Garten gefallen, so dass wir sagen können, „hier ist es schön“ und „bei dir ist es schön.“

Um unsere Vorstellungen über unsere Sexualität abzustimmen, ist es notwendig, dass wir uns darüber unterhalten und darüber reden, was oft gar nicht leicht ist. Wie sollen wir es denn sonst wissen, was der andere gerne mag, welche Vorlieben er hat, warum er es mag, oder was er nicht mag und warum er es nicht mag? Da können durchaus ganz versschieden Standpunkte und Sehnsüchte zu Tage kommen. Aufeinander einzugehen, zu bitten und zu schenken, ist eine große Liebeskunst. Vielleicht ist der eine ein sexueller Abenteurer mit weitschweifiger Fantasie, der sich auch nicht erklären kann, warum das so ist, und der andere liebt es eher gemütlich und geborgen, mit Tee und Kerzen, geht gerne Hand in Hand spazieren und kuschelt lieber als auf Abenteuerreise zu gehen. Wir haben also vieles miteinander zu lernen.

Das gilt auch für die unterschiedlichen biologischen Gegebenheiten. Die Männer kommen meist schneller zum Orgasmus, seltener ist es umgekehrt. Viele Frauen brauchen mehrere Jahre, dass sie sich so fallen lassen können und einen sexuellen Höhepunkt erfahren, weil sie viel Vertrauen spüren müssen. Dafür haben sie oft ein tieferes Erleben des sexuellen Höhepunktes. Es braucht Zeit, mitunter Jahrzehnte, um die sexuelle Einheit im Paar zu finden. Auch seelische Verletzungen aus der Vergangenheit brauchen oft lange um zu heilen. Die Sexualität ist also nicht nur Freudengabe, sie kann auch Opfergabe sein, wenn es nicht so läuft wie wir uns das vorgestellt haben.

Unsere sexuelle Begegnung ist unser biologischer Kitt

In jungen Jahren kommt noch dazu, dass Kindererziehung und Beruf viel von uns fordern und uns wenig Zeit füreinander lassen. Wir müssen also unsere sexuellen Begegnungen absichern, denn sie sind quasi unser biologischer Kitt, weil bei jeder sexuellen Vereinigung Glückshormone und Bindungshormone ausgeschüttet werden. Sie machen uns zufrieden und verleihen unserer Liebe einen besonderen Zauber. Den Zauber des Anfangs möchten wir bewahren, ihn auch immer wieder ganz aktiv und neu mit dem Ehepartner suchen im Füreinander da sein, sich schön und attraktiv machen, hilfsbereit und „ritterlich“ sein, fürsorglich und anmutig. Wir wollen einander zum Geschenk werden. Füreinander sexuell schenkend zur Verfügung stehen, kann auch anstrengend sein, wenn ich schon müde bin und schlafen möchte und der Partner liegt hellwach neben mir und kann vor lauter sexuellem Hunger nicht einschlafen. So kann es schlaflose Nächte geben, weil mein Hunger nicht gestillt wurde und der Körper sich damit abquälen muss. Dabei lernen wir gemeinsam, was wirklich Liebe ist, füreinander da zu sein, aber auch um des anderen willen verzichten zu können. Das muss immer ausgewogen sein, denn es soll keiner von uns ständig überfordert sein oder umgekehrt am sexuellen Hungertuch nagen. Dabei schadet ein bisschen Fasten nicht, denn das hält die Liebe jung und bringt Variationen ins Liebesleben. Es mag alt und verstaubt klingen, aber die natürliche Empfängnisregelung mit dem immer wiederkehrenden Verzicht auf das Miteinanderschlafen, ist zwar anstrengend aber bei ein wenig Fantasie sehr spannend und man entdeckt immer wieder Neues in der Liebe und auch in der Sexualität. Es ist wie beim Sport, man muss sich überwinden, aber so bleibt man auch fit.

Liebe hilft über das Leid hinweg

In diesem Zusammenhang möchten wir auch auf Fallstricke hinweisen, die es gibt, vor allem wenn wir merken, dass es bei uns jetzt nicht so läuft. Aus der Frustration heraus ist man geneigt, seine innerliche Kündigung einzureichen, sich ein anderes Hobby zu suchen, einen anderen Partner, oder Pornos im Internet, oder Sex mit mir allein. Auch Alkohol und Arbeit stehen als Ersatzdrogen auf dem Programm. Das sind alles keine tauglichen Wege, weil sie weg führen vom Du, von der Du-Liebe zu einer vereinsamenden konsumierenden Haltung, die zwar das schnelle Glück verspricht, aber uns letztlich leer zurücklässt. Wir wollen lernen, füreinander da zu sein – in den schönen Stunden des Liebesglücks, gleich wie in den Stunden tiefsten Leides, welche das Leben auch mit sich bringt.  Wir wollen das Band der Liebe jeden Tag neu miteinander knüpfen. Glücklich sind all jene, die die Liebe verkostet haben, denn die Liebe hilft auch über das Leid hinweg.

Ich in dir und du in mir

Letztlich will die eheliche Liebe in ihren vier Formen zum Ausdruck bringen: Ich in dir und du in mir, ich wohne in deinem Herzen, du wohnst in meinem Herzen und so beten wir Gott an. Es ist also zuletzt eine große Herzensreinheit in unserer Liebe gefragt, sei es in der sexuellen, der Herzensliebe, der geistigen oder in der übernatürlichen Liebe. Gott sei Dank haben wir dafür ein Leben lang Zeit.

Veronika und Fritz Pilshofer, Altenberg

Über die Sexualität in der Ehe schreibt das Ehepaar Veronika und Fritz Pilshofer auf dem Hintergrund ihrer Tätigkeit als Ärzte im Ordensklinikum in Linz, Österreich, und ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit in der österreichischen Familienbewegung (Leitung des Familienbundes, Vortragstätigkeit in der Familienliga und Familienakademie). Last but not least sind sie selber Eltern von vier Kindern.

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